Heilen - ohne zu schaden

Auszug aus dem Vortrag meines Schwiegervaters, Erich Vetter (Heilpraktiker in Düsseldorf von 1940 bis 1991), gehalten bei dem Heilpraktiker-Kongreß am 05.05.1973 in Düsseldorf

 

 

Der gedankliche Ausgangspunkt unseres therapeutischen Handelns ist der Begriff "Gesundheit". Wir trachten danach, mit Hilfe unserer Heilverfahren die gestörte Gesundheit wiederherzustellen. Das geschieht grundsätzlich nicht durch "Bekämpfen" und Substituieren, sondern durch auf die gestörten Funktionen regulativ wirkende Maßnahmen, durch zielgerichtete Anstöße zur Anregeung der Selbstheilung.

 

In den medizinischen Lehrbüchern sind die Krankheiten mit ihren pathologischen Ursachen - soweit sie bekannt sind -, mit ihrer Symptomatik, den pathologischen Veränderungen, dem allgemeinen Verlauf und der Prognose systematisch dargestellt.

 

Dieser Systematik muss man aber die individuelle Reaktion des einzelnen Patienten hinzufügen, die jedoch rein klinisch-diagnostisch kaum erfassbar ist. Wohl aber wird sie mit der Persönlichkeits-Symptomatik iris-diagnostisch ermittelbarer und mit homöopathischen und Akupunktur-Vorstellungen deutlicher. Hierin liegt sicherlich ein wesentlicher Grund unserer erweiterten Heilmöglichkeiten.

 

Gesundheit ist Gleichgewicht polarer Kräfte. Man denke zum Beispiel an das Yin und Yang, das heute schon fast strapaziert wird - meist ohne tiefer gehende Gedankengänge daraus herzuleiten.

 

Man ist dabei, die Akupunktur in die Ecke schmerzfreier Operationen zu ziehen und übersieht das zentrale Prinzip, nähmlich den Ausgleich gegenteilig wirkender Kräfte als Grundlage der Gesundheit.

 

Heraklit sagte: "Alles Leben ist rhythmische Bewegung". Auf unsere Behandlungsmethoden bezogen bedeutet es, dass die Rhythmik des Lebens, die aktive und reaktive Spannung zwischen polaren Kräften, das Selbstheilungsbestreben des Körpers die Ansatzpunkte unseres therapeutischen Handelns sind.

 

Mit unseren vielseitigen therapeutischen Möglichkeiten stoßen wir das Normalisierungsbestreben des Organismus in Richtung Gesundheit an, Wir hüten uns, dass starkwirkende, unmittelbar physiologisch eingreifende Arzneien eventuell noch mehr Durcheinander bringen.

 

So wie die Gesundheit, ist auch ihr Gegenpol - die Krankheit - ein komplexes Geschehen. Die Störung in einem Organ oder in einem Funktionssystem muss bei der wunderbaren Vielfalt, die erst Leben ermöglicht, auch störend auf das Ganze wirken.

 

Die tiefer liegenden Merkmale einer Krankheit sind nicht der Mangel oder der Überschuss einer Substanz, die man zwecks Heilung zuführen oder elimineren muss, sondern die Dysregulation, die zu solchen Zuständen führt. Eine ursächliche Behandlung kann daher nur einer regulativ wirkenden Beeinflussung zur Beseitigung dieser Dysregulation bestehen.

 

Erst wenn ein Organismus trotz dieser therapeutischen Hilfeleistungen nicht mehr in der Lage ist, sich einzuregulieren und zu normalisieren, sehen wir eine Berechtigung oder Notwendigkeit zur Anwendung substitiver, suppressiver oder palliativer Maßnahmen als gegeben an.

 

Jeder Arzt und viele Patienten wissen, dass ein (wegen eines Bruches) stillgelegtes Bein an Umfang und Leistungsfähigkeit schwächer wird. Es muß nach Ausheilen des Bruches gekräftigt und trainiert werden, um die vorher vorhandene Leistungsfähigkeit wieder zu erlangen.

 

Diese Schwächung durch Inaktivität dürfte nicht nur an der Muskulatur erfolgen, sondern ist auch an Organen und Funktionssystemen zu erwarten, wenn sie vorzeitig und ohne unbedingte Notwendigkeit  Antibiotika und andere bequeme Hilfen erhalten. Sie haben es nicht mehr nötig, sich anzustrengen und selbst in ausreichendem Maße abzuwehren oder zu produzieren. So betrachtet, kann eine solche vorzeitige Hilfe durch Förderung von Insuffizienzen schon als Schädigung angesehen werden. 

 

Wir Heilpraktiker dagegen sind für das Trainieren und geben mit Hilfe unserer Heilmittel den Anstoß zur Einregulation, Koordination und zu zielgerichteten Komandos mit dem Ziel der Einleitung körpereigener Heilprozesse.